Die arme Majestät

Oder: Das deutsche Gesundheitssystem braucht eine neue Organisationsstruktur.

"Wirklich schlimm ist es erst dann um ein Herz bestellt, wenn nicht mehr in Vergleichen und Bildern von ihm gesprochen wird, wenn die Metaphern sich von ihm zurückziehen, wenn von seinen Bewegungen auch die kühnen und großartigen unerheblich geworden sind, und nur noch die messbaren, die rein mechanischen etwas bedeuten, wenn es auf seine Melodien gar nicht mehr ankommt, nur noch auf den nackten Rhythmus…gerade in solcher Stunde, wenn es nur noch ein klägliches, verheddertes Maschinchen ist, dem kein Öl mehr hilft…gespenstig schimmernd im Phosphorlicht des Lebens, ist es wie zwischen üppigem Gesindel ein arme Majestät."
 

Alfred Polgar, aus „Traktat vom Herzen“ 

Den nackten Rhythmus kennen Patienten und Patientinnen als auch Versorgende, in dem die Menschlichkeit – die Melodie – verloren geht.  Das deutsche Gesundheitssystem ist mit seiner enormen medizinischen Leistungskraft, dem rasanten Fortschritt, insbesondere an den Universitätsklinken, sowie seiner weitestgehenden solidarischen Finanzierung, die den Menschen ein hohes Maß an Versorgung sichert, eine Majestät. Doch diese Majestät ist arm, denn es mangelt an der dringlich notwendigen strukturellen Modernisierung der Versorgungsinfrastruktur. So gleichen die Gesundheitsreformen der letzten 40 Jahre in Deutschland denen der Bundesbahn: hier und da wird etwas ausgebessert, damit der „Substanzfraß“ an der Schiene den Verkehr nicht vollends zum Erliegen bringt. Zweifellos ist die Organisation der Versorgung eine gewaltige Aufgabe und sie kann nur mit einem klaren übergeordneten politischen Ziel umgesetzt werden. Dieses Ziel muss lauten: ein integriertes Gesundheitssystem als moderne und „barrierefreie“ Versorgungsinfrastruktur. An diesem Ziel sind die Reformmaßnahmen auszurichten.

Das zweibeinige System: Die arztzentrierte Versorgungsstruktur muss durch eine interprofessionelle abgelöst werden.

Melodie statt nackten Rhythmus: Chronisch Kranke nach Versorgungspfaden und nicht im Quartalsstakkato begleiten.

Den Elefanten aus dem Raum lassen: Neue Vergütungsvereinbarungen müssen vor allem die alten ärztlichen ambulanten Honorarsysteme ablösen.

Flurbereinigung der alten Vertragslandschaft: Smarte Tandem-Verträge lösen Wirrwarr der nebeneinander existierenden Kollektiv- und Selektivverträge ab.

Straßenverkehrsordnung und Netzfahrplan: Tandem-Verträge sichern eine intersektorale und interprofessionelle Versorgung. 

Reden wir von Schwester Hildegard?  Die Pflegediskussion benötigt eine Strukturierung, damit Fach- und Angehörigenpflege nicht weiter vermischt werden.

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